Die Hubble-Tension nach DESI Year-3: Wo Lambda-CDM zu klemmen beginnt
DESI hat im Frühjahr 2026 das dritte Datenrelease vorgelegt. Die Spannung zwischen frühem und spätem Universum bleibt – und ein nicht-konstantes w(z) wird zur ernsthaft diskutierten Möglichkeit.
Zwei Zahlen, die nicht zusammenpassen
Die Hubble-Konstante H_0 misst die heutige Expansionsrate des Universums. Sie sollte ein universeller Parameter sein, eindeutig bestimmt durch das kosmologische Standardmodell. Tatsächlich aber liefert die Vermessung des frühen Universums – über die akustischen Oszillationen im kosmischen Mikrowellenhintergrund (CMB) – einen anderen Wert als die direkte Vermessung des lokalen Universums über Cepheiden und Supernovae Typ Ia.
Aus Planck 2018, ergänzt um ACT- und SPT-Daten der nachfolgenden Jahre, ergibt sich H_0 = 67.4 ± 0.5 km/s/Mpc. Das SH0ES-Team um Adam Riess hingegen veröffentlichte 2024 mit JWST-NIRCam-kalibrierten Cepheiden in 42 Galaxien H_0 = 73.04 ± 0.94 km/s/Mpc. Die Differenz beträgt 5.6 km/s/Mpc, was bei einer kombinierten Standardabweichung von etwa 1.1 einer Diskrepanz von 5σ entspricht. Statistik schließt einen Zufallseffekt damit praktisch aus.
DESI als unabhängige Stimme im späten Universum
Der Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI) am Mayall-Teleskop auf Kitt Peak ist seit 2021 dabei, das Rotverschiebungsspektrum von mehr als 30 Millionen Galaxien und Quasaren zu vermessen. Die Methode der Wahl ist die Baryonische Akustische Oszillation (BAO): Die Schallhorizont-Skala bei Rekombination, r_s ≈ 147 Mpc komobil, prägt sich als bevorzugte Längenskala in die Galaxienverteilung ein. Diese „Linealskala” lässt sich bei jeder Rotverschiebung im Spektrum wiederfinden.
Das Year-3-Release (DR2) von DESI, im April 2026 publiziert, kombiniert BAO-Messungen aus sieben Rotverschiebungsbins zwischen z = 0.1 und z = 4.16 (Quasare). Die kombinierte H_0-Bestimmung unter Annahme eines konstanten w = −1 für die dunkle Energie liefert H_0 = 68.5 ± 0.7 km/s/Mpc – im Wesentlichen kompatibel mit Planck, im Konflikt mit SH0ES. DESI ist methodisch näher am späten Universum als Planck, kommt aber zu einer „frühen” Antwort.
Der zweite Befund: w(z) ist möglicherweise nicht konstant
Spannender als die H_0-Zahl selbst ist die Wahl des Parameter-Setups. DESI hat parallel zu Lambda-CDM auch das w0wa-CDM-Modell angefittet, in dem die Zustandsgleichung der dunklen Energie als w(a) = w_0 + w_a · (1 − a) variiert. Hier liefern DR2-Daten in Kombination mit CMB und Supernovae (Union3, DES-Y5, Pantheon+):
- w_0 = −0.738 ± 0.067
- w_a = −0.95 ± 0.27
Beide Werte weichen mit kombinierter Signifikanz von etwa 3.9σ von der kosmologischen Konstanten (w_0 = −1, w_a = 0) ab. Im Klartext: Die dunkle Energie könnte sich mit der Zeit verändert haben, war früher näher an w ≈ −1.05 und bewegt sich heute auf w_0 ≈ −0.74 zu. Das ist keine endgültige Aussage – 3.9σ ist die historisch wackelige Region zwischen „auffällig” und „belastbar” –, aber es ist konsistent über mehrere Supernova-Sample und drei DESI-Releases hinweg.
Was das für die Tension bedeutet
Eine evolvierende dunkle Energie ist eines der wenigen Modelle, die sowohl die DESI-w(z)-Signatur als auch die SH0ES-Diskrepanz teilweise erklären könnten. Wenn w_0 heute größer (weniger negativ) ist als −1, expandiert das Universum heute etwas langsamer als ein reines Lambda-Modell vorhersagen würde – aber relativ dazu war die Expansion in der jüngsten Vergangenheit (z ≈ 0.5–1) schneller. Solche Modelle verschieben die abgeleitete H_0 nach oben um typischerweise 1–2 km/s/Mpc, was die Hälfte der Tension absorbieren würde.
Vollständig schließt das die Lücke nicht. Damit bleiben drei prinzipielle Klassen alternativer Erklärungen im Rennen:
Early Dark Energy (EDE): Eine zusätzliche dunkle Energiekomponente, die kurz vor der Rekombination dynamisch wird und den Schallhorizont r_s verkleinert. Mit kleinerem r_s schiebt sich die aus CMB-Distanzen abgeleitete H_0 nach oben – Kamionkowski-Modelle erreichen so H_0 ≈ 72 ± 1.5. Problem: EDE-Modelle verschlechtern den Fit an die LSS-Daten (σ_8-Tension wird größer).
Sterile Neutrinos und Neff-Erweiterungen: Eine erhöhte effektive Anzahl relativistischer Spezies (Neff > 3.044) verändert die Strahlungsdichte vor Rekombination und damit ebenfalls r_s. ACT-Daten 2024 setzen die obere Grenze bei Neff < 3.30 (95% CL), was den Spielraum für klassisches sterile-Neutrino-Modell auf etwa 0.5–1 km/s/Mpc Korrektur beschränkt.
Lokale Inhomogenität (Hubble Bubble): Die Vorstellung, die Milchstraße liege in einer lokal unterdichten Region, sodass die lokale Expansion scheinbar schneller verläuft. KBC-Void-Studien zeigen eine messbare Unterdichte bis z ≈ 0.08 von etwa 30%. Allerdings reicht der Effekt nach quantitativer Modellierung nur für 0.5–1 km/s/Mpc, nicht für die volle Tension.
Methodische Diskussion: Wo könnten Fehler liegen?
Die fünf Sigma sind robust gegen die offensichtlichen Sorgen. Riess et al. haben Cepheiden-Distanzen unabhängig mit drei verschiedenen Anker-Methoden kalibriert (Maser in NGC 4258, Detached Eclipsing Binaries in der LMC, Gaia-Parallaxen für Galactic-Cepheids) und kommen jedes Mal auf konsistente H_0-Werte um 73. JWST hat die Crowding-Bias-Sorge der HST-Photometrie weitgehend ausgeräumt – auch bei aufgelösten Einzelcepheiden im 30-Mpc-Bereich bleibt das Resultat erhalten.
Im CMB-Lager ist die Sache subtiler. Planck und ACT sind in ihren H_0-Bestimmungen konsistent. Aber: Die CMB-H_0-Ableitung ist modellabhängig. Sie nimmt Lambda-CDM an. Verändert man dieses Modell – etwa durch EDE oder evolvierende w –, verschiebt sich auch die CMB-implizierte H_0. Insofern ist Planck nicht „direkt” 67.4, sondern: „Unter Annahme von Lambda-CDM gibt die CMB-Datenlage 67.4 her.”
DESI agiert hier als wertvoller Mediator. BAO bei z = 0.5 und z = 1.0 sind im Wesentlichen lineare Distanzmessungen, weitgehend modellunabhängig im Sinne von „Schallhorizont jetzt × Skalenfaktor”. Wenn DESI dort einen niedrigen H_0 sieht, sind die Optionen für Late-Time-Modifikationen (jenseits z ≈ 1.5) eingeschränkt. Damit verschiebt sich die Forschung verstärkt auf Pre-Recombination-Lösungen.
Was bis 2027 zu erwarten ist
DESI vermisst bis 2027 das volle 5-Jahres-Sample mit etwa 40 Millionen Spektren. Die statistische Präzision der w(z)-Fits wird sich um Faktor 1.5 verbessern; entweder verfestigt sich die 3.9σ-Abweichung dann zu echten 5σ, oder sie wäscht sich aus.
Der Euclid-Survey ist seit Frühjahr 2024 im Routinebetrieb. Das erste DR1 ist für Anfang 2027 geplant und wird BAO-Messungen bei z = 1.0 bis z = 2.0 mit Photo-Z-Sample komplementär zu DESI liefern. Sollten Euclid und DESI bei z ≈ 1.5 verschiedene H_0 ableiten, hätten wir einen weiteren Diagnostik-Hebel.
Roman Space Telescope ist erst ab 2028 fertig, dann aber mit dem Wide Field Survey die schärfste Cepheiden-Kalibrierung der Geschichte. Bis dahin wird die Tension wohl weiterhin als ungelöst geführt – aber zunehmend mit dem Modifikator: „und es spricht etwas dafür, dass die dunkle Energie nicht ganz konstant war.”
Eine nüchterne Bilanz
Lambda-CDM ist nicht tot. Es bleibt das Modell mit der besten Übereinstimmung mit der globalen Datenlage und ist in fast allen Skalen erstaunlich präzise. Aber die kombinierten Hinweise aus DESI Y3, dem fortschreitenden SH0ES-JWST-Programm und der σ_8-Tension der LSS-Surveys lassen wenig Spielraum für eine Erklärung allein durch Messsystematik. Vermutlich werden wir mit einem leicht erweiterten Modell leben müssen – einer kosmologischen Konstanten, die nicht ganz konstant ist. Das wäre kein dramatischer Bruch, aber ein theoretisch unbequemer.